Ja, ich will Post aus der Akazienbuchhandung!

Stellaportrait

“Stella” – Literaturkurier vom 17. Januar 2019

Liebe Kunden und Freunde
der Akazienbuchhandlung,

mit seinem lang erwarteten zweiten Roman hat sich Takis Würger (“Der Club”) ein schwieriges Thema ausgesucht. Im Mittelpunkt: Stella Goldschlag, eine jüdische Kollaborateurin und Greiferin im Berlin der Nazizeit, die, von der Gestapo erpreßt, aber dann in vorauseilendem Gehorsam und augenscheinlich von “Jagdfieber” gepackt, mit fast leidenschaftlichem Eifer durch die Straßen streifte und untergetauchte Juden aufspürte. Die hübsche Stella entwickelte sich zur Schreckgestalt und Nemesis für jüdische “U-Boote”, die tagsüber ihre Verstecke verlassen mußten und ziellos durch die Stadt irrten, sich unauffällig unter die Passanten zu mischen versuchten …
Denunziation, Kollaboration und jüdische Schuld sind ein schwieriges Thema. Sie sind nicht einfach nur “ein Stoff”. Beim Lesen von Stella aber hat man manchmal das Gefühl, daß es das für Takis Würger ist: Ein Stoff. Eine Fingerübung. Der Stil: Simpel, gefällig. Modernes Journalistendeutsch mischt sich mit gefühligen Metaphern. Stella wird zum gefallenen, blondgelocken Engel. Der Autor kollaboriert mit seiner Figur.

Eigentlich ist dieser Literaturkurier dazu da, Bücher zu empfehlen. Bei “Stella” können wir das nicht uneingeschränkt. Trotzdem ist dieser Roman ein Einstieg in ein Teil deutscher Geschichte, in dem es noch viele Ambivalenzen und Grauzonen zu entdecken gibt.
Bei uns bekommen Sie einen Beipackzettel zu “Stella”: Bücher, die von der anderen Seite erzählen. Authentisch, mutig, ohne Füllwatte.

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In eigener Sache: Die Autorin dieses Newsletters hat dieses Buch zusammen mit Margot Friedländer geschrieben. Als junges Mädchen mußte Margot untertauchen, von ihrer deportierten Familie blieb ihr nur die Handtasche und das Adressbuch ihrer Mutter – und ein Auftrag: “Versuche, dein Leben zu machen!” Die bis dahin behütet aufgewachsene Margot wanderte von Versteck zu Versteck und durch die Straßen Berlins, traf auf Helfer, die von Versteckten profitierten und sie manipulierten, aber auch auf mutige Menschen, die ihr eigenes Leben für sie riskierten. Stella Goldschlag, die sie flüchtig kannte und von der ihr deshalb besondere Gefahr drohte, entkam sie mit Glück.
Margot Friedländer sagt: “Deutsche haben mich verfolgt, und Deutsche haben mir das Leben gerettet.” Davon erzählt dieses Buch. Ohne Überliterarisierung, in den Worten von Margot, die mit Leidenschaft noch immer, vor allem in Schulen, ihre Geschichte erzählt. Auch deshalb: “Versuche, dein Leben zu machen” ist ein Buch, das man auch und gerade mit fünfzehn, achtzehn, fünfundzwanzig lesen kann!
(Margot Friedlander, “Versuche, dein Leben zu machen”. Als Jüdin versteckt in Berlin. Mit Malin Schwerdtfeger. 9783499623042 Rowohlt 10 €)

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Seit 1986 gibt es dieses Buch, und für viele waren Maria Gräfin von Maltzans Erinnerungen neben dem Tagebuch der Anne Frank der allererste Einblick in die Welt der Untergetauchten. Die Gräfin Maltzan stand auf der Seite der Helfer, besorgte unermüdlich und mit aberwitzigem Mut falsche Pässe, organisierte Fluchten durch die Berliner Kanalisation und war an der „Aktion Schwedenmöbel“ beteiligt, bei der in Möbelkisten, die schwedische Staatsbürger nach Hause schicken durften, Juden und politisch Verfolgte versteckt wurden. Dieses Buch hinterläßt einen fast sprachlos ob der Frechheit, des großartigen schwarzen Humors und der Unbeirrtheit, mit der Maria von Maltzan um jedes einzelne Leben kämpfte. Wenn der Satz “dieses Buch muß man gelesen haben” angebracht ist, dann hier. Unbedingte, leidenschaftlichste Empfehlung!
(Maria Gräfin von Maltzan, “Schlage die Trommel und fürchte dich nicht” 9783548608778 9,99 €)

 

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1942 taucht Marie Jalowicz unter – und überlebt. 50 Jahre später erzählt sie ihrem Sohn Hermann Simon, Historiker und damals Direktor des Centrum Judaicum, ihre Geschichte, der dieses einzigartige Zeitdokument auf Tonband aufnimmt.
Immer wieder retten Marie Jalowicz als Untergetauchte ihr Mut und ihre Schlagfertigkeit. Auch hier ist das Verhältnis zu den Helfern oft ein ambivalentes, und dennoch zeigt diese Geschichte unter anderem eindrucksvoll, wie Solidarität über Milieugrenzen hinweg funktionieren konnte – und wie stark unbedingter Lebenswille ist. Ein Kaleidoskop unterschiedlichster Charaktere, eine beeindruckende Momentaufnahme der deutschen Gesellschaft in der Nazizeit – und ein soghaftes Buch, das man nicht wieder weglegen kann.
(Marie Jalowicz Simon, “Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945” 9783596198276 Fischer 10,99 €)

 

 

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