Alles gut

“Alles gut!” – Literaturkurier vom 21. Dezember 2017

Liebe Kunden und Freunde
der Akazienbuchhandlung,

wir handeln nicht nur mit Sätzen, wir hören sie auch.
Hier sind sie, unsere Lieblingssätze 2017:

1. “Ich komm aber nochmal!”
Meistgesagter Satz im Weihnachtsgeschäft. Schützt davor, zu früh einen emotional aufgeladenen, enorm ans Herz gehenden “Schöne Weihnachten”-Dialog mit der Buchhändlerin zu führen. Das ist ja immer so endgültig. Und vielleicht kommt man ja wirklich nochmal. Außerdem beinhaltet dieser Satz ein schönes, unverbindliches Umsatz-Versprechen an die Buchhändlerin, das man aber nicht unbedingt einhalten muß. Fazit: Ein Satz, der allen ein gutes, kuschliges Gefühl gibt, ohne zu sehr einzuengen.

2. “Ich unterstütze ja die kleinen Buchhandlungen.”
Es ist ja so: Bei uns wird nicht gekauft, wir werden unterstützt. Was natürlich im Ergebnis eine sehr gute Sache ist. Nur: Niemand kommt auf der Idee, der Bäckerin beim Brötchenkauf stolz ein “Ich unterstütze ja die kleinen Bäckereien” oder dem Spätimann bei Erwerb eines Sixpacks Beck’s ein “ich unterstütze ja die unabhängigen Spätkaufläden” entgegenzuschleudern. Wie auch immer: Unterstützt uns weiter! Und da Amazon ja auch ein bißchen Unterstützung gebrauchen kann, weil die Kunden mittlerweile wegen Liefertermin-Chaos, Horror-CO2-Fußabdruck und Steuer-Katastrophen in Scharen abwandern, kaufen wir da gleich morgen netterweise mal ne Schachtel Büroklammern. Unterstützend halt. Damit wir ein reines Gewissen haben …

3. “Ich brauch ein Buch für eine Achtjährige, die ist aber schon weiter, also mindestens so wie zehn.”
Ja, schade eigentlich. Daß die schon weiter ist, meinen wir. Eigentlich ist es ja ganz schön, so zu sein, wie man ist. Und ein bißchen da bleiben zu können, wo man sich gerade befindet. Deshalb empfehlen wir Achtjährigen gern Bücher für  … – Achtjährige! Weiter können die ja auch morgen noch sein.

4. “Mit Meyerhoff kann ich ja nichts anfangen, ich komm da nicht rein.”
Kein Satz macht uns sprachloser. Also, jetzt nicht sauer-eingeschnappt-sprachlos, sondern verzweifelt-ungläubig-sprachlos. Wir nämlich schon. Total. Alle.
Und es ist so schwer, etwa Konstruktives darauf zu antworten. “Halten Sie nochmal 50 Seiten durch”, sagt man beim “Distelfink”, “tja, da scheiden sich die Geister” bei Ferrante. Aber bei Meyerhoff? Auf die Knie fallen möchte man, die Hände ringen, flehend, und “Versuchen sie es bitte” rufen, “nur noch ein einziges Mal! Sie kommen da rein! Sie schaffen das!”
Überhaupt: Nicht reinkommen ist grundsätzlich nur für Christine Westermann reserviert, und selbst die ist in Meyerhoff reingekommen.
Puh. Mehr können wir nicht tun.

5. “Alles gut!”
Kennen Sie das auch? Sagen Sie das auch? Die Empirie sagt: Ja. Wir tun es ebenfalls. Aber wie konnte es nur so weit kommen? Auf die Frage “Möchten Sie eine Tüte?” antwortete man früher “Nein, danke”. Auf “Ach, jetzt hab ich leider nur ‘nen Fünfziger” entgegnete man “Macht nichts, geht schon.”
Jetzt sagt man “Alles gut”. Phonetisch dargestellt ungefähr so: “Allzguuuud”. In einem tiefen, beruhigenden Kutschpferde-Besänftigungston. Als ob der Gegenüber im nächsten Moment hysterisch krampfend zusammenbrechen oder wild um sich schlagend davongaloppieren würde.
Ist bestimmt so ein Zeitgeist-Ding.
Hat im Zweifelsfall mit Trump zu tun.
Sinngemäß: Es ist nicht alles gut. Aber wir wollen, daß es gut ist.

Und wissen Sie was? So lange Sie in unseren Laden kommen, wir über Literatur reden, Sie mit einem Buch in der Hand wieder hinausgehen und sich aufs Lesen freuen, ist alles gut.
In diesem Moment und für die Dauer dieses Gespräches in unserer gemeinsamen kleinen Welt schon.
Das macht uns glücklich.
Sie hoffentlich auch.

Alles gut :)

Ein gutes, gesundes, glückliches Neues Jahr
wünscht Ihnen und Euch

die
Akazienbuchhandlung

 

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